Freitag, 17. Februar 2012

Zurück zum Ursprung - Badische Zeitung 01.09.2004 von Martina Phillipp

Tannenspitzen zum Frühstück und ein Bett aus Weidenruten waren für Tim von Lindenau neun Monate lang Alltag.
Es war März, als Tim von Lindenau in den Wald ging, irgendwo zwischen St. Peter und St. Märgen, und es wurde Dezember, bis er wieder herauskam. Dass er nach dieser Zeit wieder zurück unter Dach und Dusche ging, war nicht selbstverständlich. Längst habe er alles Menschliche unter einer Tanne abgelegt, sagt der Mann mit dem Rauschebart. “Wenn du im Wald lebst, wirst du Wald’’ - Tim von Lindenau lacht bei der Erinnerung. Drei Jahre ist das jetzt her. „entweder ich bleibe hier – oder ich gehe“, hat er sich eines klirrend kalten Wintermorgens im Jahr 2001 gesagt. „ich bin zu jung, um im Wald zu bleiben“, hat er sich gedacht und ist gegangen. Richtung Menschen und Richtung Butterbrot.
Mit dem Butterbrot ist das nämlich so eine Sache. „Davon bist du richtig abhängig, das weißt du nur gar nicht“, sagt Tim von Lindenau. Warum das so ist? Von Lindenau zieht die Schultern hoch –„keine Ahnung“. Jedenfalls merkte er erst, als er kein Butterbrot mehr hatte, dass er dringend eins bräuchte. Im Wald das Rauchen und das Weintrinken aufzuhören, sei kein Problem gewesen. Aber auf das stopfende, satt machende Butterbrot verzichten? „Das war anfangs ein richtiger Kampf zwischen verkorkstem Magen und Kopf“, erinnert er sich. Doch der Kopf hat gewonnen und bald konnte es sich der neue Waldbewohner gar nicht mehr anders vorstellen, als von schmackhaften Eicheln, zarten Tannenspitzen, saftigen Beeren und wildem Thymian zu leben. „Meistens hatte ich so 'n ganzen Korb mit leckeren Sachen bei mir - das war wie ein voller Kühlschrank.“ Buchenblätter habe er besonders gemocht: „Im Vorbeigehen einen Ast durch die Zähne ziehen, das hat was.“
Gegen den Wald kommt laut von Lindenau kein Reformhaus und kein Bioladen an. „Wenn du im Wald lebst und isst, brauchst du keine Tetanusspritze“, meint er. Weder der Fuchsbandwurm noch irgendeine Zecke habe ihn jemals heimgesucht. Und trotz gelegentlichem Bad im bitterkalten Bach habe er sich nie einen Schnupfen geholt – „im Wald bist du kerngesund.“ Heute kann er sich selbst nicht mehr vorstellen, dass er damals, egal bei welchem Wetter, nie gefroren hat – aber heute raucht und trinkt er ja auch wieder, von Butterbroten ganz zu schweigen.
Aus purer Wonne an der Askese geht aber kein Mensch einfach so in den Wald. Auch der selbständige Veranstaltungstechniker Tim von Lindenau vor gut drei Jahren nicht. Vielmehr hatte der gebürtige bergische Jung, der vor sieben Jahren während einer Durchreise in Freiburg hängen geblieben war, zuletzt „viel zu viel gearbeitet“. Als eines Tages auch noch ein großer Auftraggeber pleiteging, zahlte von Lindenau mit seinem ersparten die Mitarbeiter aus, sagte sich „das ist doch kein Leben“, baute seine Zelte ab und ging nach Südspanien, direkt in die Höhle eines Nationalparks. Dort fastete er, las Bücher über essbare Wild- und Kräuterpflanzen, philosophierte über das Leben und den Tod und wanderte drei Monate später zurück Richtung Freiburg, mitten in den tiefen Wald zwischen St. Peter und St. Märgen hinein. „Ich wollte den Ursprung finden, meinen und den aller Dinge.“
Wer Tim von Lindenau so reden hört, der fragt sich, was dieser Endzwanziger denn eigentlich für einer ist. Gewesen ist er jedenfalls schon Veganer und Betreiber eines „Keltischen Rings“ – eines kulturellen Treffpunkts für alle Liebhaber der keltisch-germanischen Kultur. Außerdem ist er gelernter Möbeltischler und verdient sein Geld mittlerweile mit dem Restaurieren von alten Instrumenten, an denen er sich in seiner Miniaturwerkstatt im Wohnwagen zu schaffen macht. Und bald will er auch wieder Naturführungen anbieten, den Großstädtern Wildkräuter zeigen und das Feuermachen beibringen.
Seit Kurzem hat Tim von Lindenau 30 Ar Wiese mit dichten Brombeerhecken und alten Apfelbäumen drauf gepachtet. Nördlich von Freiburg-Zähringen. Er setz sich in einen ausgeleierten Campingstuhl und strahlt: „Genau davon habe ich schon lange geträumt.“ von einem „Mittelding“ zwischen Gesellschaft und Natur. „hier habe ich meine Ruhe. Hier kann ich in der Erde wühlen und mit den Bäumen schwätzen.“
Trubel meidet Tim von Lindenau nämlich. Auf ein Bierchen in der Stadt treffen? Das mag er nicht. Freunde wissen bescheid, kommen einfach zu ihm. Ganz schlimm sei es kurz nach der Zeit im Wald gewesen: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden.“ Alles sei so laut, so extrem, so unfreundlich gewesen. Man werde halt „ein bisschen schräg“ im Wald – so ohne alles und ohne Menschen.
„Du hörst auf, wie ein Mensch zu riechen und frühstückst statt mit deiner Freundin mit den Eichhörnchen“, erzählt der Aussteiger. Einmal sei er nachts aufgewacht, als ein Fuchs an seinem Ohr geschnuppert habe: „Ich guck’ den Fuchs an, der Fuchs guckt mich ganz erschrocken an. Dann ist der abgehauen. „Interesse habe sogar das sonst so scheue Wild gezeigt, wenn es bis auf wenige Meter an ihn herankam und sich wohl fragte, was dieses komische Tier da macht. „Von Lindenau wirft den Kopf nach hinten, lacht laut. Besonders amüsant fand er während der Waldzeit vor allem die wenigen Begegnungen mit Wanderern und Spaziergängern, wenn er denn mal einen Waldweg kreuzte. Er sei damals mit einem großen Hut und wilden Lederklamotten umhergestreift. „Die dachten, glaube ich, dass ich ein Waldgeist bin.“ Fast ein Dreiviertel Jahr streifte Tim von Lindenau so als vermeintlicher Waldgeist umher. Wenn die Sonne aufging, schnitzte er sich irgendetwas, spazierte im Regen umher oder las Bücher, die ihm Freunde an eine Waldlichtung brachten. Wenn die Sonne unterging, verkroch er sich unter seine kleine Plane und legte sich auf sein Bett aus Weidenruten und Kräutern: „Man kann es sich schon hübsch machen, im Wald.“
Es war mittlerweile Dezember, er hatte seine Plane Plane sein lassen und war in eine kleine Hütte im Wald gezogen, die ihm ein Bauer bereitgestellt hatte. „Eines Morgens wache ich auf und meine Decke, meine Stiefel und das Feuerzeug sind gefroren.“ der Ofen war in der Nacht ausgegangen. Das sei das Zeichen gewesen. Das Zeichen dafür, dass die Zeit vorbei war. Die Zeit im Wald. Heute weiß von Lindenau, dass es nicht die Kälte war. Dass es nicht Dach und Dusche waren, wonach er sich irgendwann wieder begonnen hatte zu sehnen. Es war auch nicht das Butterbrot, „es waren die Menschen“, sagt er.