Montag, 10. August 2015

Tim von Lindenaus Vorlieben für Extreme. Von Eva Requard – Schohaus (Ostfriesischer Kurier, 08.08.'15)


Neues Buch führt Tim von Lindenaus Vorlieben für unberührte Natur und gesellschaftliche Extreme zusammen
Wenn Tim von Lindenaus Pläne Wirklichkeit werden, sendet das Fernsehen demnächst Talkshows
mit Promis aus dem Lütetsburger Forst. 


Seit einem Vierteljahr lebt Tim von Lindenau im Lütetsburger Forst dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. In seinem Fall finden sich abends Rehe auf der Wiese vor dem alten Arbeiterhäuschen ein, das der 38-Jährige nach und nach in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen will. Eine Zentralheizung hat er nicht, aber die braucht er als „Ex-Waldschrat“ auch nicht.
So bezeichnet er sich selbst auf seiner Homepage in einer Ankündigung zu seinem neuen autobiografischen Buch „Vom Erdloch auf den roten Teppich“, an dem er im Lütetsburger Wald mit  viel Freude und Witz schreibt.  „Ich führe darin die absoluten Extreme der Gesellschaft zusammen“, sagt der Autor, Philosoph, Blogger und Netzwerker, der sich aber mit keiner dieser Bezeichnungen fassen lässt. Er ist vor allem eines: sehr kreativ. Bereits mit Anfang 20 war Tim von Lindenau in Freiburg als Veranstaltungs- und Bühnentechniker erfolgreich.

Leben als Waldmensch
Bis zu jenem Tag, als er in Bremen in einer Messehalle stand, in der die „Gentech 2000“ gezeigt wurde. Da habe er sich gefragt: „Was mache ich hier eigentlich“, blickt der Wahl-Ostfriese zurück, der zuletzt viele Aufträge aus der Pharma-Industrie hatte. An Geld fehlte es ihm nicht, aber er war völlig überarbeitet und zweifelte an seinen Auftraggebern. Daraufhin nahm er sich selbst eine neunmonatige Auszeit, die ihn zunächst in eine Erdhöhle in Andalusien und dann zu Fuß in den Schwarzwald führte.
Dort lebte der junge Mann, nur mit einem Fell, einer Decke und einem Messer ausgerüstet, im Wald und beschäftigte sich mit essbaren Wildpflanzen und Pflanzenheilkunde. Er ging bis dahin davon aus, dass es 64 essbare Wildpflanzen gibt. Doch mithilfe diverser Bestimmungsbücher fand er im Selbstversuch heraus, dass 1300 Pflanzen, die im Wald wachsen, zum Verzehr geeignet sind. Diese Erkenntnisse wollte er nach seiner Waldschrat-Zeit in Zusammenarbeit mit einem Biologen in einem Buch verarbeiten, doch kam just um diese Zeit ein Werk heraus, in dem gar 1600 essbare Waldpflanzen beschrieben sind.
„Ich hatte gar keine Lust mehr, den Wald zu verlassen“, blickt von Lindenau auf sein Einsiedler-Dasein zurück. Er hatte sich mittlerweile am Waldesrand eine Hütte aus Brettern gebaut und badete im Winter in einem Bach. Doch als er eines Tages aufwachte, war seine Decke bei eisigen Temperaturen von minus 34 Grad so steif gefroren, dass er sie an die Wand stellen konnte. Auch kam er nicht in die vereisten Stiefel und konnte kein Feuer machen. Das sah er als Zeichen dafür an, den Waldaufenthalt zu  beenden.

Allein unter Promis
„Als ich aus dem Wald kam, ergab sich alles von allein“, erzählt von Lindenau. Die Medien rissen sich um den „Waldmenschen“, und er schrieb ein Buch über „Die andere Seite des Waldes“, in dem er mit faszinierenden Fotos den Zauber des Waldes als Welt der Waldgeister und „kleinen Leute“ einfängt. In seinem neuen Buch will er „die absoluten Extreme der Gesellschaft“ zusammenbringen, nämlich die Einsamkeit im Wald und den High-Society-Trubel, den er 2012 in Köln erlebte. Dort übernahm er die Redaktionsleitung des Kölner Top-Magazins, eines von 42 Gesellschafts-Magazinen in Deutschland. „Da war viel roter Teppich angesagt und viel Netzwerk-Arbeit“, sagt von Lindenau. Er hastete von einer Veranstaltung zur nächsten, lernte die führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie „Schick und Glamour der kreativen Upperclass“ kennen, wie er es nennt, und stellte fest, dass „es annähernd das Gleiche ist, ob man mutterseelenallein im Wald steht oder plötzlich unbekannt unter Promis lebt“.

Extreme Erfahrungen
In seinem Buch, das vermutlich im Frühjahr 2016 erscheinen wird, berichtet er viel Intimes aus den beidenWelten, die nur scheinbar gegensätzlich sind und in Wirklichkeit viel gemein haben. Im Herbst will er in verschiedenen Talkshows im Fernsehen über seine extremen Erfahrungen berichten. Bei der Planung unterstützt ihn sein Hamburger Management. Aktuell arbeiten sie gemeinsam eine Talkshow im Lütetsburger Forst nach dem Format „Durch die Nacht mit...“ aus, das auf Arte gesendet wird: In diesem Fall würden Prominente vom roten Teppich zu seinem verwunschenen Häuschen im Wald kommen, die Früchte des Waldes für eine Mahlzeit sammeln und sich beim Lagerfeuer über ihre Erlebnisse austauschen.

Roter Teppich im Wald

Vom Forst aus arbeitet von Lindenau zudem an verschiedenen Online-Magazinen, die kostenlos abonniert werden können – die neue IT-Welt holt sozusagen den roten Teppich in den Wald. 2014 gründete er die erfolgreiche Online-Modezeitschrift „Fashioners“, in der auch Unternehmen wie Dior und Porsche ihre Produkte vorstellen. In der aktuellen Internet-Ausgabe hat er Interviews mit Paradiesvogel Julian F. M. Stoeckel, Annett Möller, Enie van de Meiklokjes, Hubert Kah und vielen anderen geführt – vom Lütetsburger Wald aus. „Ich arbeite dabei mit Fotografen aus ganz Deutschland zusammen“, informiert er. Vor der Teilnahme an „Germany’s next Topmodel“ kann der Modekenner jedoch nur warnen: „Das ist das absolute Ende einer solchen Karriere – die Industrie hat kein Interesse an solchen Mädchen, die wollen unverbrauchte Gesichter.“